{"id":1115,"date":"2015-03-26T10:16:11","date_gmt":"2015-03-26T10:16:11","guid":{"rendered":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/?p=1115"},"modified":"2015-03-26T10:16:11","modified_gmt":"2015-03-26T10:16:11","slug":"sanfte-chemie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/?p=1115","title":{"rendered":"Sanfte Chemie"},"content":{"rendered":"<div id=\"pl-1115\"  class=\"panel-layout\" ><div id=\"pg-1115-0\"  class=\"panel-grid panel-no-style\" ><div id=\"pgc-1115-0-0\"  class=\"panel-grid-cell panel-grid-cell-empty\" ><\/div><div id=\"pgc-1115-0-1\"  class=\"panel-grid-cell\" ><div id=\"panel-1115-0-1-0\" class=\"so-panel widget widget_black-studio-tinymce widget_black_studio_tinymce panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"0\" ><div class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-1115-0-1-0\" ><div class=\"textwidget\"><p><b>Die Sanfte Chemie entwickelte sich aus der kritischen Betrachtung der existierenden Chemie in ihrer Theorie, Forschung, Produktentwicklung und technologischen Praxis im Hinblick auf deren p\u00e4dagogische, philosophische, \u00e4sthetische, toxikologische, \u00f6kologische, \u00f6konomische und soziale Grundlagen und lokale wie globale Auswirkungen.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">n den 1990er Jahren kam die Idee der Sanften Chemie \u2013 auch bekannt unter Nachhaltiger oder Gr\u00fcner Chemie \u2013auf. <\/p>\n<p>Zur Sanften Chemie wurde u.a. von Herrmann Fischer folgende neun Kernthesen formuliert: <\/p>\n<p><b>These 1: Analyse der gesamten Produktbiografie<\/b><br \/>Die in der Chemie verwendeten Verfahrenstechniken, Umwandlungsprozesse, <span id=\"AutoLinkDescriptionBox1\"><\/span>Energie- und Stoffstr\u00f6me (prozessualer Aspekt) mindestens gleichrangig bewertet wie die eingesetzten und resultierenden Substanzen (stofflicher Aspekt). Sanfte Chemie entsteht damit nicht allein aus einer angestrebten Alternative zu den real existierenden <span id=\"AutoLinkDescriptionBox17\"><\/span>Chemikalien und Produkten mit deren toxikologischen und \u00f6kotoxikologischen Zahlenwerten (MAK, ADI, LD<sub>50<\/sub>, LC<sub>50<\/sub>, <span id=\"AutoLinkDescriptionBox6\"><\/span>WGK etc.), sondern noch mehr aus einer ganzheitlichen Sichtweise der gesamten Biografie, den Prozessketten und Produktlinien der betreffenden Produkte. Dieser prozessuale Aspekt setzt bei den prim\u00e4ren Rohstoffen an, betrachtet alle Zwischenschritte der Produktion, das Produkt selbst - und zwar vor, w\u00e4hrend und nach dem Gebrauch - sowie die Schritte bis zur Entstehung der letzten Zersetzungsprodukte und deren Verbleib in der <span id=\"AutoLinkDescriptionBox9\"><\/span>Umwelt. <\/p>\n<p><b>These 2: Stoffbildungsprozesse der Natur als Vorbild <\/b><br \/>Sanfte Chemie ist die Chemie auf der Grundlage der Stoffbildungsprozesse der Natur. Sie nutzt die Syntheseprinzipien, die sich im Verlauf der Evolution als langfristig bew\u00e4hrt entwickelt und durchgesetzt haben. Sie geht von der \u00dcberzeugung aus, dass die Herausbildung dieser Prinzipien - vor allem der <span id=\"AutoLinkDescriptionBox12\"><\/span>Photosynthese - im evolution\u00e4ren Wettbewerb die beste Garantie daf\u00fcr darstellt, dass auf dieser Grundlage auch auf lange Sicht der stoffliche Bedarf der Menschheit und ihrer pflanzlichen und tierischen <span id=\"AutoLinkDescriptionBox19\"><\/span>Mitwelt ohne Beeintr\u00e4chtigungen von <span id=\"AutoLinkDescriptionBox10\"><\/span>Umwelt und <span id=\"AutoLinkDescriptionBox13\"><\/span>Gesundheit gedeckt werden kann. <\/p>\n<p><b>These 3: Nutzung von Vielfalt und Komplexit\u00e4t <\/b><br \/>Sanfte Chemie geht von der \u00dcberzeugung aus, dass die enorme, noch nicht einmal voll \u00fcbersehbare Vielfalt der aus Naturprozessen entstandenen Stoffe sowie die beeindruckende stoffliche Komplexit\u00e4t vieler dieser Naturstoffe bei intensiver Anwendungsforschung vielleicht nicht alle, aber doch alle wesentlichen stofflichen und auch viele energetische Grundbed\u00fcrfnisse des menschlichen Lebens ohne einschneidende Einschr\u00e4nkungen an Lebensqualit\u00e4t zu befriedigen vermag. Eine solche Anwendungsforschung ist leider mit dem Aufkommen der organisch-chemischen Synthese Mitte des vergangenen Jahrhunderts weitgehend abgebrochen worden und sollte durch den neuen Impuls f\u00fcr eine Sanfte Chemie einen Neuansto\u00df erfahren. <\/p>\n<p><b>These 4: Die Gewalt gegen die Stoffe wirkt auf uns zur\u00fcck <\/b><br \/>Die Grundkonzeption einer Sanfte Chemie orientiert sich an der These, dass die gewaltsamen Einwirkungen, die bei den Produktionsstrategien der Harten Chemie den gew\u00e4hlten Ausgangsstoffen zwangsweise auferlegt werden, nicht ohne Wirkung in den Stoffen selbst bleiben. Je gewaltsamer diese Erzwingung bestimmter Reaktionsabl\u00e4ufe erfolgt, um so gr\u00f6\u00dfer ist das Risiko, dass die so erzeugten Stoffe die ihnen auferlegte Gewalt weiter in sich tragen und - im Sinne einer reziproken Wirkungsbeziehung - auf die Lebenswelt \u00fcber kurz oder lang gewaltsam zur\u00fcckwirken. Viele negative Ph\u00e4nomene im Zusammenhang mit der zunehmenden Chemisierung unserer Welt k\u00f6nnen mit einer solchen Arbeitshypothese eher verstanden und neu bewertet werden. Damit wird deutlich, dass das Konzept der \u201eGewaltsamkeit\u201c und ihres Zur\u00fcckwirkens im Sinn eines heuristischen Prinzips nicht als eine metaphysische, in den Stoffen nicht verifizierbare Qualit\u00e4t zu verstehen ist. Die damit verbundenen \u00dcberlegungen, die eine Zur\u00fcckhaltung und Behutsamkeit im menschlichen Handeln nicht nur gegen\u00fcber der Mitmenschheit, der Tier- und Pflanzenwelt fordert, sondern auch gegen\u00fcber der unbelebten Welt der chemischen Stoffe, geh\u00f6rt dennoch zu den Ideen, die von den in heutiger naturwissenschaftlicher Denkweise gepr\u00e4gten Fachleuten am schwierigsten nachzuvollziehen sein werden. Und doch ist die Begr\u00fcndung der Sanften Chemie ohne eine neu zu gewinnende Ethik auch gegen\u00fcber dem Umgang mit der unbelebten Welt unvollst\u00e4ndig. <br \/><b> <br \/>These 5: Eingriff in Naturstrukturen vermeiden <\/b><br \/>Im Hinblick auf die eingespielte und erprobte Perfektion, mit welcher Aufbau komplexer Strukturen in der Natur vor sich geht, will sich die Praxis der Sanften Chemie nach M\u00f6glichkeit jedes tiefwirkenden Eingriffs in die so gebildeten stofflichen Strukturen enthalten; sie geht von der \u00dcberzeugung aus, dass ein solcher Eingriff in die molekulare Integrit\u00e4t je nach Art und Umfang allein aufgrund des Energieaufwandes, m\u00f6glicher Nebenreaktionen, vermehrter Abfallbildung usw. die durch die urspr\u00fcngliche Natursynthese gegebenen \u00f6kologischen Vorteile zu einem erheblichen Teil wieder aufheben wird. Ziel der Sanften Chemie sollte daher allenfalls eine vorsichtige Abwandlung der gegebenen Molek\u00fclstrukturen mit einem Minimum an Anlagen- und Energieaufwand sein. Die Vielfalt und Reichhaltigkeit der Substanzen aus den nat\u00fcrlichen Produktionsprozessen legt statt einer starken Abwandlung vielmehr die Suche nach anderen nat\u00fcrlichen, f\u00fcr den Einsatzzweck besser passenden Naturstoffen nahe. <\/p>\n<p><b>These 6: Die Nutzung der Sonnenenergie als optimale Quelle <\/b><br \/>Das Konzept der Sanfte Chemie orientiert sich an den Naturprozessen auch deshalb, weil diese als wesentliche Energiequelle eine Quelle au\u00dferhalb des eigenen globalen Systems nutzt: <span id=\"AutoLinkDescriptionBox14\"><\/span>Sonnenenergie. Im Vergleich zu den chemischen Prozessen in den Industrieretorten kommt damit die zur Strukturbildung notwendige <span id=\"AutoLinkDescriptionBox2\"><\/span>Energie nicht aus Quellen, die durch die Erzeugung der <span id=\"AutoLinkDescriptionBox3\"><\/span>Energie und die damit unweigerlich verbundene enorme Vermehrung von <span id=\"AutoLinkDescriptionBox23\"><\/span>Entropie (strukturelle Unordnung) wieder selbst in erheblicher Weise zur Umweltbeeintr\u00e4chtigung und Klimaver\u00e4nderung beitragen. <\/p>\n<p><b>These 7: Nutzung einer Pflanzen-Chemie ohne St\u00f6rf\u00e4lle <\/b><br \/>Die Idee einer Sanfte Chemie wird getragen von der jedem bekannten und einleuchtenden Tatsache, dass es im Zusammenhang mit dem Stoffaufbau durch Naturprozesse keinesfalls zu den St\u00f6rf\u00e4llen kommen kann, die in den gro\u00dfen Chemiebetrieben beinahe zum \u00fcblen Alltag geworden sind. Der extremste St\u00f6rfall im Pflanzenbereich ist der vollst\u00e4ndige Ernteausfall. Dieser hat wohl \u00f6konomische Auswirkungen, versperrt jedoch in keinem Fall die M\u00f6glichkeiten, im nachfolgenden Anbauzyklus ohne Beeintr\u00e4chtigung wieder Stoffproduktion vorzunehmen. Der extremste St\u00f6rfall im Bereich der chemischen Synthese besteht jedoch in der gro\u00dffl\u00e4chigen Verseuchung nicht nur des Produktionsbetriebs selbst, sondern auch seiner n\u00e4heren und weiteren Nachbarschaft. Neuere Untersuchungen zeigen, dass allein durch das m\u00f6gliche Entweichen eines unvermeidlichen Schl\u00fcsselreagens f\u00fcr einen der bedeutendsten Massenkunststoffe (<span id=\"AutoLinkDescriptionBox21\"><\/span>Phosgen f\u00fcr die Herstellung von Polyurethanen) schwere Vergiftungen und Zehntausende von Todesf\u00e4llen noch im Abstand von 50 bis 100 km vom eigentlichen Fabrikstandort durchaus realistisch sind. Die schweren St\u00f6rf\u00e4lle in <span id=\"AutoLinkDescriptionBox20\"><\/span>Bhopal, <span id=\"AutoLinkDescriptionBox8\"><\/span>Seveso, Schweizerhalle und Frankfurt sind die traurigen Beweise, dass es sich dabei nicht blo\u00df um theoretische M\u00f6glichkeiten handelt. Es kommt hinzu, dass bei der Betrachtung dieser massiven St\u00f6rf\u00e4lle die t\u00e4glichen \u201enormalen\u201c Emissionen aus solchen Anlagen noch nicht ber\u00fccksichtigt sind. <\/p>\n<p><b>These 8: Sonderm\u00fcll kann vermieden werden <\/b><br \/>Auch unter dem Gesichtspunkt der Abfallbildung sind die Naturprozesse, wie sie die Sanfte Chemie nutzen und einsetzen will, den Syntheseprozessen der chemischen <span id=\"AutoLinkDescriptionBox4\"><\/span>Industrie in qualitativer (Art der Abf\u00e4lle) und quantitativer Hinsicht (Menge der Abf\u00e4lle) so haushoch \u00fcberlegen, dass ein direkter Vergleich fast unfair erscheint. W\u00e4hrend die Abfallprodukte der pflanzlichen Produktion in Gestalt von <span id=\"AutoLinkDescriptionBox7\"><\/span>Sauerstoff und kompostierbaren Pflanzenteilen direkt zur Aufrechterhaltung des stofflichen Kreislaufes beitragen, sind die Abf\u00e4lle der chemischen <span id=\"AutoLinkDescriptionBox5\"><\/span>Industrie in der Regel mehr oder weniger problematischer Sonderm\u00fcll. <\/p>\n<p><b>These 9: Die Sanfte Chemie schlie\u00dft Stoffkreisl\u00e4ufe <\/b><br \/>Die \u00dcberlegungen zu einer Sanfte Chemie st\u00fctzen sich nicht zuletzt auf die schlichte Tatsache, dass in einer endlichen Welt die g\u00e4ngigen Produktionsverfahren ohne wirklichen stofflichen Kreisschluss keine Zukunft haben werden: In bald absehbarer Zukunft werden die bislang genutzten fossilen <span id=\"AutoLinkDescriptionBox15\"><\/span>Ressourcen als Quellen aufgezehrt sein, w\u00e4hrend andererseits auch die zur Verf\u00fcgung stehenden Deponiekapazit\u00e4ten f\u00fcr die unvermeidlichen <span id=\"AutoLinkDescriptionBox22\"><br \/> <\/span>Abfall- und Reststoffe chemischer Produktion als stoffliche Senken ausgesch\u00f6pft sein werden. <\/p>\n<p>Der Ansatz der Sanften Chemie ist wichtig. Allerdings muss neben der Verringerung der <span id=\"AutoLinkDescriptionBox16\"><\/span>Ressourcen und der Energieeinsparung auch die Entwicklung von neuen Produkten, die als Ersatzstoffe f\u00fcr die h\u00e4ufig verwendeten PBT-Substanzen oder anderen <span id=\"AutoLinkDescriptionBox11\"><\/span>umwelt- und gesundheitssch\u00e4dlichen <span id=\"AutoLinkDescriptionBox18\"><\/span>Chemikalien eingesetzt werden k\u00f6nnen, im Mittelpunkt stehen.<br \/><b><br \/>Quelle und Literatur: <\/b><br \/>\"Die neun Kernthesen einer Sanften Chemie\" von Dr. Hermann Fischer erschienen in \u201ePl\u00e4doyer f\u00fcr eine Sanfte Chemie\u201c, C. F. M\u00fcller Verlag Karlsruhe 1993, S. 21-24.<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><div id=\"pg-1115-1\"  class=\"panel-grid panel-no-style\" ><div id=\"pgc-1115-1-0\"  class=\"panel-grid-cell\" ><div id=\"panel-1115-1-0-0\" class=\"so-panel widget widget_black-studio-tinymce widget_black_studio_tinymce panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"1\" ><div class=\"textwidget\"><p style=\"text-align: right;\"><em>Autor: KATALYSE Institut<\/em><\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sanfte Chemie entwickelte sich aus der kritischen Betrachtung der existierenden Chemie in ihrer Theorie, Forschung, Produktentwicklung und technologischen Praxis im Hinblick auf deren p\u00e4dagogische, philosophische, \u00e4sthetische, toxikologische, \u00f6kologische, \u00f6konomische und soziale Grundlagen und lokale wie globale Auswirkungen.n den 1990er Jahren kam die Idee der Sanften Chemie \u2013 auch bekannt unter Nachhaltiger oder Gr\u00fcner Chemie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20,14,57],"tags":[],"class_list":["post-1115","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chemie-prozesse","category-n-s","category-s"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1115","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1115"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1115\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1116,"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1115\/revisions\/1116"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1115"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1115"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/umweltlexikon.katalyse.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1115"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}